Autor:
Jean Cocteau (5. 7. 1889, Maisons-Laffitte/Paris - 11. 10. 1963, Milly-la-Forêt/P.)
Werke:
"Ich schau zum Meer", "Erneut bin ich verliebt", "Flüchtige Wiesen"
Übersetzung:
A. Jendrusch, Frankfurt/M.
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Jean Cocteau lernte 1918 seine erste große Liebe kennen, den 15jährigen
Raymond Radiguet - so attraktiv wie literarisch begabt. Doch Radiguet
brauchte seinen Mentor schon bald nicht mehr, und es kam zur Krise,
deren Vorzeichen Cocteau in seinen Gedichten "Ich schau zum Meer"
und "Erneut bin ich verliebt" festhält. 1925 starb Radiguet an Typhus.
Cocteau nahm noch mehr Opium als gewöhnlich und ließ sich, wie er in
"Flüchtige Wiese" andeutet, sogar eine Weile die Bekehrungsversuche
des Religionsphilosophen Maritain gefallen.
Ich schau zum Meer
Ich schau zum Meer, das wir mit Staunen stets erleben,
So boshaft es auch ist, es kriecht ein kurzes Stück
Und leckt die Füße uns, wie toll vor Liebesglück,
Von seinem weichen Saum aus fetter Milch umgeben.
Und tauch ich, läßt sein Sekt den Atem mir versiegen,
Gefesselt bin ich schier von lebendem Metall;
Erneut spürst du das Land der Kindheit überall,
Des' märchenhaftem Tang die Venus einst entstiegen.
Was mich als Gift versteint, macht dich als Schaumwein trunken.
Ich seh dich baden, weiß: Du fühlst und gibst dich hin;
Der Schlaf und auch das Meer sind ganz nach deinem Sinn...
Versperrt bleibt mir das Reich, in welchem du versunken.
Erneut bin ich verliebt
Erneut bin ich verliebt und wälz mich in den Kissen;
Dein bodenloses Bett führt steil zum Himmelslicht.
Komm her zu mir, mach heil, was andere zerrissen,
Denn Liebesschmerz zu fühln erlaubt mein Engel nicht.
Dein schönes Augenpaar halt offen, denn ich bange,
Daß dich das Räderwerk des Schlafs von hinnen trägt.
Den Argwohn büß ich schwer, und trotzdem denk ich lange
An diese bessre Welt, in die es dich verschlägt.
Dort treibst du körperlos in luftleer kahlen Weiten,
Ich seh, wie du von fern bewegst dein Lippenrot
Und seh ein Lächeln sich auf deinen Züge breiten,
Auf diese Zeichen hin, da wünscht ich dir den Tod.
Flüchtige Wiesen
Flüchtige Wiesen, die in Opiumdünsten schweben,
Was gibt es Bessres für ein Herz, das zu sehr litt?
Aufs neue lehren will man mich das fremde Leben,
In dem ich Mädchen treu und brav zum Tanze bitt.
Man will die Flügel mir vertauschen - sie verdrießen.
In meinem Geist war ich von Rauchschwingen umweht;
jetzt solln an ihrer Statt mir Menschenflügel sprießen,
Das schmerzt, besonders wenn der Tag zur Neige geht.
Ein Heidengeld muß man für solche Federn stellen -
Mit denen Pfeifen einst, zum Vogelfang, besteckt...
Schaum war ich, Wolke, schwamm als Korken auf den Wellen,
Stieg in die Lüfte, auf den Flugteppich gestreckt.
Dort, dem Holunder gleich (mit seinen Markesstücken
Fliegt er so reglos wie ein Schlafender dahin),
Mit Sternen tätowiert, die selbst die Seele schmücken,
Zog aus dem Lügennetz der Toten ich Gewinn.
"Das Glück ist schon verraucht, das Unglück raucht an dir."
Das schrieb ein Weiser auf den Pfeifenstiel. Doch wir
Verehren, was die Zeit der Trübsal uns verschönt:
Den hochgewachsnen Mohn, vom Samenkranz bekrönt.
Der Himmelsbaum war mein, Gewächs von Adernschlingen.
Wo Stille als Musik aus Bambusflöten dringt,
Wolln Chinas Henker mich gleichwohl zum Schweigen bringen
Und streicheln zart den Tod, damit es auch gelingt.
An Pekings Mauer zog er fort und kam zum Stehn.
Doktoren aus Paris sind jetzt beim Reparieren,
Und gelbe Schlingel kann ich draußen stromern sehn.
Den Code des Schweigens wird ich niemals euch entdecken,
Vergeß den Weg, der hoch zum Himmelszelte führt,
Weil die Chinesen ja auf Lanzenspitzen stecken
Den Kopf des Schwätzers, stumm und ziemlich ungerührt.
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