Autor:
Erasmus von Rotterdam (28. 10. 1469, Rotterdam - 12. 7. 1536, Basel)

Werk:
"An Servatius Roger"

Übersetzung:
Rüdiger Campe, Frankfurt/M. 1988

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994



Erasmus trat 1496 in das Kloster Steyn ein. Dort entstanden Liebesbriefe und -gedichte an den Mitbruder Servais Roger: Dokumente einer einsamen Passion. Doch wie der Schluß des hier wiedergegebenen Gedichts ankündigt, der das Fazit von Tibulls Elegie ins Christlich-Asketische übersetzt, wird er Selbstdisziplin üben. Nicht zuletzt ihr verdankt er seine europäische Karriere als Gelehrter und Schriftsteller.



An Servatius Roger

Brannte - ach weh! - in der Brust eines anderen Menschen - ach weh mir! -
so furchtbar je die Liebesglut?
Niedersteigt die Sonne, der Abend wirft seine Schatten,
und Schlaf bringt er den Sterblichen.
Mir aber siedet das Blut im heiß entzündeten Herzen,
die Liebe duldet keinen Schlaf.
Sieh: so zerrinnt mir der Tag, und dunkle Schattengespinste
quäl'n mich beim Nahn der tiefen Nacht.
Immer noch steigt aus der kochenden Glut der trockenen Leber
die Hitze an mein mattes Herz.
O ich Dummkopf! zu glauben, daß Amor jeden erweiche!
So liefre ich mich selber aus,
und ich spüre - wahrhaftig ein Erznarr! - besiegt deine Zügel.
Was tat ich nicht, was fleht' ich nicht!
Es war der stille Mond einst Zeuge von einsamen Klagen,
es war's der ganze Sternenkreis;
selber könnt'st du bezeugen, daß Tränen und abermals Tränen
ich strömen ließ auf mich und dich!
Alles umsonst! Du hörst mich sowenig wie Klippen die
Brandung, bleibst härter als im Berg der Fels,
Bitten und Tränen der Liebe rührten dich niemals zur Milde -
du freutest dich an meiner Qual!
Stark will ich sein, und au, mein Freund, au sollst leiden,
sollst leiden, wenn die Kraft mir reicht.
Gäbst du dich auch gefällig wie Venus, wie Ganymed selber,
und duftete auch süß dein Leib;
und wenn vom tiefen purpurnen Rot der Blumen im Frühling
sich färbte deine zarte Haut;
wenn jenes Rot sie färbte, mit dem der große Apelles
gemalten Körpern Leben gab -
würd' ich dennoch versuchen, vom Hals deine Fessel zu streifen,
die hoffnungslos gefangen macht.
Dann werden bitter dir sein meine ruhig bezähmten Gefühle,
mein allzu unverletztes Herz.
Ja, dann wirst du's beklagen: wie ist mein Freund doch
verwandelt! Doch ich, ich gebe nichts darauf.

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