Autor:
Hafis [Schamsoddin Mohammad Hafiz] (um 1320, Schiras - 1389, Schiras)

Werk:
"Ghaselen"

Übersetzung:
Friedrich Rückert: Ihre D. h. die V./ Auf d. M. der L./ Aller L., alle A.
Cyrus Atabay: Rosen aus S./ und andere Gedichte

Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994



Hafis, der größte persische Dichter, war Lehrer an der Koranschule. Seine "Ghaselen" preisen freilich höchst unorthodox den Wein, das Wirtshaus und den schönen Schenken. Seinem Idol verleiht Hafis sogar gottgleiche Züge: Der Schenke spendet Wein, Liebe und Leben - oder er verweigert es aus unerforschlichen Gründen. Dichtung also, die Sinnliches und Übersinnliches ineinander spiegelt. Erst nach seinem Tod wurden seine Gedichte in einem "Diwan" gesammelt, im 19. Jahrhundert wurden sie auch in Europa durch Goethe sowie durch die Übersetzungen von Rückert bekannt gemacht.



Ihre Düfte haben die Violen

Ihre Düfte haben die Violen
Von dem Moschus deines Haars gestohlen.

Die Zypresse geht, von deinem Gange
Anmut der Bewegungen zu holen.

Und dein klares Lächeln nachzuahmen.
Wird vom Ostwind dem Jasmin empfohlen.

In der Rosenknosp' ist deines Mundes
Halberschlossne Heimlichkeit verhohlen.

Aus dem Auge trunkener Narzissen
Sieht von dir ein Blick mich an verstohlen.

Du bist meiner Wünsche Blumengarten,
Blühend von dem Scheitel zu den Sohlen.

Eifersüchtig über deine Reize
Wach ich, wie es mir ist anbefohlen.

Feuer bist du, ewiges der Liebe,
Und die Herzen brennen dir wie Kohlen.

Hafis, seit du sein Idol geworden,
Darf nicht knien mehr vor der Welt Idolen.




Auf dem Markt der Liebeshändler

Auf dem Markt der Liebeshändler diese Kunde rufet aus:
Höret alle, höret all ihr Kunden dieses lockren Gaus!

Tage sind es, seit abhanden uns das Kind der Rebe kam,
Eigensinnig fortgelaufen ist es; kommt, o kommt heraus!

Den Verstand berücken kann es, nehmet euch vor ihm in acht!
Ein Rubinkleid trägt's und auf dem Haupt von Schaum ein Krönchen kraus.

Wer mir bringt das Bittersüße, meine Seele geb ich drum;
Schaffet es zur Stelle, holt es, und sei's aus der Hölle Graus!

Das nachtirre, bittersüße, rosenfarbne, trunkne Kind,
Wenn ihr es habt aufgefunden, bringt es in Hafisens Haus!




Aller Liebreiz, alle Anmut

Aller Liebreiz, alle Anmut ist auf seiner Wang' entfacht,
Nur die Lieb' und Treue fehlt ihm; hätt' ihm Gott die zugedacht!

Mein Herzliebster ist ein Kind, er wird mich spielend eines Tags
Töten, ohne daß des Blutes das Gesetz ihn schuldig macht.

Es ist besser, daß mein Herz ich nehme gut in acht vor ihm,
Denn er kennt nicht Gut und Böses, und er nimmt es nicht in acht.

Einen Abgott, vierzehn Jahr alt, hold und zierlich, hab ich dem
Von dem Monde, vierzehn Tag alt, Huldigung wird dargebracht.




Rosen aus Schiras

Saghi, schenk ein den Wein
und laß den Becher kreisen!
Im Anfang schien die Liebe leicht,
die dann zum Rätsel ward.
Wann bringt der Wind
den Moschushauch von deinem Haar?
Von deinen Locken wurden alle Herzen wund.
Wie fänd ich Frieden doch in deinem Haus,
da ruft die Karawanenglocke schon zum Weiterzug!
Färb den Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,

dann wirst du, Pilger, auch vom Sinn des Weges
dein Teil erfahren.
Was wissen denn die Leichtbebürdeten am Strand von uns,

die Nacht und Wogensturm umgibt...
Durch meinen Eigensinn erwarb ich mir
den schlechten Namen.
Wie kann Geheimnis auch verborgen bleiben,
das bei Zusammenkünften verhandelt wird!
Hafis, erhalt dir des Geliebten Gegenwart,
entsage dieser Welt, wenn du gefunden, den du liebst!




Ich sag' es offen, und ich sag' es freudig:
"Leibeigener der Liebe bin ich und
von dieser und von jener Welt befreit!"
Ich bin ein Vogel aus dem heiligen Garten,
wie soll ich meine Trennung schildern,
als ich in diese arge Schlinge fiel?
Ich war ein Engel und mein Platz
im höchsten Paradies. Durch Adam
kam ich in dies verfallene Kloster.
Zärtliche Huris, Tubaschatten und der Himmelsborn
entschwanden deinetwillen aus meinem Sinn,
und auf der Tafel meines Herzens
steht nur das Alef deiner einzigen Gestalt.
Was soll ich tun? Kein anderer Buchstab
wurde mir von meinem Meister doch gelehrt.
Kein Astrologe fand noch meinen Schicksalsstern.
O Gott, zu welchem Los hat
mich Mutter Welt geboren?
Seit mit dem Ohrring der Sklavenschaft
ich in der Liebe Weinhaus diene,
kommt jeden Augenblick ein neues Leid,
mir seinen Glückwunsch darzubringen.
Es pressen deine Blicke mir das Herzblut aus,
und der Tribut ist billig:
Was mußte ich mich auch an dich verlieren,
der aller Welt gehört, doch nur nicht mir!
Trockne mit deinen Locken
die Tränen von meinem Gesicht,
sonst reißt der stete Sturzbach noch
meines Lebens Grundstein mit sich fort!




Mein waches Glück trat in der Frühe
an mein Lager und sprach:
"Erhebe dich, der schöne Chosrow naht!
Leere den Becher und komm freudig,
damit du siehst, in welcher
Gestalt dir der Geliebte naht!
Vergilt's dem Überbringer dieser Botschaft,
stiller Erkunder du des Wilds,
denn die Moschusgazelle naht!"
Da gaben Tränen dem betrübten Antlitz
den Rang zurück,
und rettend kam die Klage
dem armen Liebenden zu Hilfe.
Des Herzens Vogel neigt sich wieder
dem Bogen seiner Brauen zu:
O Taube, hüte dich,
der Falke naht!
Gib Wein, o Saghi, laß dich
von Freund und Feind nicht grämen,
denn unseres Herzens Wunsch erfüllte sich,
und dieser ging und jener naht!
Da nun die wortbrüchige Zeit
die Frühlingswolke sah,
mußte sie weinen über Tulpe und Jasmin.
Und als der Zephir Hafis' Worte
durch die Nachtigall vernahm,
kam er herbei im duftigen Gewand
zu sehn, was blühte.




Dem Geliebten bin ich entgegen gegangen
auf seinem Weg,
doch er ging an mir vorüber;
mit hundert Blicken der Zärtlichkeit
habe ich ihn angesehen, --
er hatte keinen Blick für mich!
Die Flut meiner Tränen konnte nicht
den Unmut aus seinem Herzen reißen,
der Regentropfen konnte nicht
den Quarz erweichen.
O Herr, beschütze jenen kühnen Freund,
der sich nicht scheute vor den Seufzerpfeilen
aus dem Hinterhalt!
Den Fisch, den Vogel hielt ich gestern
Zur Nacht mit meiner Klage wach, --
sieh jenen, den's nicht kümmerte,
der nicht sein Haupt vom Schlaf erhob!
Ich wollt' vor seinen Füßen sterben,
verlöschen wie die Kerze;
doch zog er nicht dem Frühwind gleich
an mir vorüber.
O Freund, wo wär' ein Herz
das du nicht rührtest!
Wo einer, der sein Leben nicht
der Wunde bietet, die du schlägst!
Verborgen bleibe dein Geheimnis
bei Zusammenkünften.
Und nur allein will Hafis
mit dir Zwiesprach halten!




Deinen trunkenen Augen
dienen Fürsten als Sklaven,
die Wissenden sind berauscht
von deinen Lippen.
Von dir kündet der Frühwind,
mich verraten meine Tränen:
Wär's nicht darum,
die Liebenden sind Hüter des Geheimsten!
Geh wie der Wind durchs Veilchenfeld!
Sieh, wie der Raubzug deiner Locken
Aufruhr hinterläßt!
Das Paradies ist unser Teil,
mein gottesfürchtiger Freund,
denn der Vergebung
werden die Schuldigen für wert befunden.
Nicht ich allein schreibe Gaselen
über dein holdes Angesicht:
Lobpreisend kommen deine Nachtigallen
von allen Seiten und in Scharen.
So nimm mich an der Hand,
gütiger Prophet,
ich geh den mühevollen Weg allein,
indes die Freunde hoch zu Pferd vorüberziehen!
Ins Weinhaus komm,
und spiegle dein Gesicht im Purpurwein,
und meide das Gebetshaus, wo die Frömmler sind!
Aus deinen Locken, den durchwühlten,
soll Hafis nicht Befreiung finden;
denn jene, die in deine Schlinge fielen, --
sie sind die wahrhaft Freien!




Der schöne Knabe, wenn er abwirft seine
Gewande, gleich dem Mond im vollen Scheine;
Siehst du das Herz in seinem zarten Busen,
In hellem Wasser gleich dem Kieselsteine.




Als der Schenke den Becher hielt,
Leise den Wein zu nippen,
Hat die Woge emporgespielt
Küssend an seine Lippen.
Als der Schenke die Flöte hielt,
Daß der Becher uns munde,
Hat die Flöte vor Lust gespielt,
Eh' sie ihm war am Munde.




Dieser Wein von Lichtrubin
Mit dem Schmack, dem lieblich herben,
Nippet unser Schenke ihn
Aus dem uns kredenzten Scherben,
Scheint die Wange von Karmin
Etwas höher sich zu färben,
Und dem Auge wird verliehn
Etwas von dem lieblich Herben.

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