Autor
Meleagros (um 140 v. Chr., Gadara/Syrien - 70 v. Chr., Kos)

Werke
"Bitte um Asyl", "Amor fou", "An Myiskos", "Die Liebe löschen", "Gluten", "Der Eine", "Göttlicher Met" und andere Gedichte

Übersetzung
Joachim Campe, Frankfurt/M. 1994: Bitte um A., Amor fou, An M.
Hermann Beckby, München 1958: Die Liebe l., Gluten, Der Eine, Göttl. Met und andere Gedichte

Quelle
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994



Meleagros stammte ursprünglich aus der syrischen Provinzstadt Gadara und lebte lange in der Hafenstadt Tyros. Er schrieb zahlreiche Epigramme zum Thema Knabenliebe, in denen er auf eine reiche literarische Tradition zurückgriff; unverwechselbar freilich seine Gefühlsnuance: das Emotional- Enthusiastische seiner Verse.



Bitte um Asyl

Weintrinker, nehmt mich auf! Denn nachdem auf dem Meer ich den Wogen
und den Piraten entkam, soll ich verderben an Land.
Eben erst setz' ich den Fuß vom Schiff wieder auf festen Boden,
schon fängt mich Eros und zerrt mich gewaltsam dahin,
wo, wie ich nur zu gut weiß, der Junge noch sein Revier hat.
Ob ich will oder nicht, folgt ihm mein Fuß wie von selbst.
Nicht der Wein ist es, der mich berauscht, sondern inneres Feuer.
Gastlich seid ihr hier ja, helft mir wie einem Freund!
Helft mir, ihr Gastlichen, und auch im Namen des gastlichen Eros
nehmt den Bedrohten auf, der eure Freundschaft erfleht.




Amour fou

Früher lächelte ich immer über die jungen Leute
und ihren Liebesrausch: Jetzt erwischt es mich auch.
Eros, der Flügelgott, stellt mich vor deine Tür, Myiskos,
und er schreibt noch dazu: Einer, der nüchtern war.




An Myiskos

Winter, ein Sturm kommt auf. Und ich fühle mich wie im Rausch, denn
Eros treibt mich dir zu, der süße Tränen weint.
Nun ist er da, der Orkan der Leidenschaft. In deinen Hafen
nimm nun rettend mich auf: Seemann auf Kyprias Meer.




Die Liebe löschen

Liebesenttäuschte, die einmal das Feuer der Liebe zu Knaben
kennengelernt und selbst bitteren Honig geschmeckt,
Schnell, holt Eiswasser her, ich bitte, von eben geschmolznem
eisigem Schnee und rasch! gießt es mir über das Herz!
Ach, Dionysios hab ich gesehn. Ich wagt'es! Mitsklaven,
löscht mir das Feuer, o löscht! eh es das Mark mir verzehrt.




Gluten

Mittag war's. Ich ging übers Feld, da sah ich Alexis;
eben schnitt man die Frucht erntend dem Sommer vom Haupt.
Zwiefach versengten die Strahlen mich: die aus den Augen des Knaben,
(draus sie mir Eros gesandt), die von des Helios Licht.
Diese löschte die Nacht, doch jene flammten im Traume,
hold erneuernd das Bild, nur um so heftiger auf.
Lindernd kommt andern der Schlaf mir bringt er verschlimmernd die Leiden.
Schönheit, lebendige Glut, malt er ins Herz mir hinein.




Der Eine

Fest verankert in Dir, Myiskos, ist ganz meine Seele.
Was vom Leben mir blieb, atmet allein noch in dir.
Ja, mein I.iebster, bei allem, was dein ist, beim Blick deiner Augen,
der auch zu Tauben noch spricht, bei deiner strahlenden Stirn,
wenn mir dein Aug' sich umwölkt, dann scheint es mir stürmischer Winter,
lächelst du freundlich mir zu, leuchtet mir lieblich der Lenz.




Göttlicher Met

Süß ist's, den köstlichen Seim der Bienlein zum Weine zu mischen,
süß, wenn ein hübscher Gesell hold sieh ein Knäblein erwirbt.
Also auch fand sich Alexis zum lockigen Bub Kleobulos.
Ist es nicht göttlicher Met, was hier Kythere gemischt?




Ehemals formte Praxiteles meißelnd aus parischem Marmor
einen Eros, den Gott, den Aphrodite gebar.
Heute gestaltete Eros, der schönste der Götter, ein Standbild,
einen Praxiteles, als Wesen von Fleisch und Blut,
jener den Himmlischen, dieser den Sterblichen Spender der Liebe,
Träger der Sehnsucht und Lust Göttern und Menschen zugleich.
Glücklich die heilige Meroperstadt: Sie nährte den neuen
Eros, den göttlichen Sproß, Knaben zum strahlenden Herrn.




Tyros beherbergt prächtige Jungen, beim Eros! Myiskos
löscht als Sonne jedoch jegliches Sternenlicht aus.

Sollte Gott Zeus der gleiche noch sein, der einst Ganymedes
raubte, den Schönen, der ihm ewig den Nektartrank reicht,
muß ich den hübschen Myiskos doch wohl mir am Herzen verstecken,
ehe der Adler zum Raub jäh ihn mit Schwingen bedeckt!

Goldig der Junge, und lieblich und reizend sein Name, Myiskos!
Warum sollte ich ihn etwa nicht lieben? Denn schön
ist er, bei Kypris, vom Kopf zu den Füßen. Verursacht er Kummer,
weiß doch Eros, wie man Bittres und Süßes vermischt.




Kypris, als Frau, entflammt uns für Frauen. Eros dagegen
drängt in sehnlichem Wunsch innig zu Knaben uns hin.
Folge dem Sohn ich? Oder der Mutter? Da dürfte wohl Kypris
selber gestehen: Dreist setzt immer der Junge sich durch!




Schätzen Eroten dich, schätzt dich die duftende Peitho, Philokles,
und die Chariten, die stets Schönes vereinen zum Bund,
dann umarme Diódoros, höre Dorótheos lieblich
singen, dann liege im Schoß innig Kallikrates dir,
wärme dir Dion zwischen den Fingern den treffsichren Bogen,
zieh Uliádes dir sacht spielend die Vorhaut zurück,
Küsse dich herzhaft Philon, plaudere anmutig Theron,
streichle unter dem Hemd selber des Eúdemos Brust.
Gönnt dir die Gottheit so köstliche Freuden, dann, Seliger, richtest
du dir ein Römermahl aus, lecker aus Knaben gemischt.




Kypris, dir pflückte Eros die fruchtreichen Blüten der Jungen,
flocht sie zum Kranze sodann, der uns verlockt zum Genuß.
Des Diodoros liebliche Lilie wand er dazwischen,
Asklepiades dazu, wie die Levkoje so schön.
Auch Herakleitos, so üppig wie Rosen, doch ohne die Dornen,
Dion desgleichen; so prangt kräftig der Ersttrieb des Weins.
Theron auch, golden leuchtend mit blonden Haaren als Krokos.
Uliádes darauf, treibendem Thymian gleich.
Weiter Myiskos, zartlockig, stets grünenden Schößling des Ölbaums.
Schließlich den reizenden Zweig, der dem Arétas gehört.
Seligste Insel, du heilige Tyros: Du trägst Aphrodites
Knabenhain, blütenschwer, vom Dufte der Myrrhen umschwebt.

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