Autor
Alfred Mombert (6. 2. 1872, Karlsruhe - 8. 4. 1942, Winterthur)

Werk
"In Memoriam Heinz Lux Dehmel"

Quelle
Ataïr (1925), in: Dichtungen, Kösel-Verlag, München, 1963, Bd. 1 S. 514 ff.



Mombert war von 1899 an in Heidelberg als Rechtsanwalt tätig. Seit 1907 widmete er sich nur noch seiner Dichtung und seinen Studien. Ausgedehnte Reisen führten ihn insbesondere immer wieder in die Alpen und an alle Küsten des Mittelmeeres.

Mombert, der seine jüdische Herkunft niemals thematisiert hatte, wollte Deutschland nicht verlassen, als er 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen wurde, und obwohl in den folgenden Jahren die Repressalien gegen Juden sich verschärften. 1940 wurde er verhaftet und in das KZ Gurs im eroberten Südfrankreich gebracht. Freunden des Dichters gelang es, im September 1941 seine Entlassung und Einreisegenehmigung in die Schweiz zu erwirken, wo er ein Jahr später starb.

Der im Ersten Weltkrieg gefallene Heinz Lux Dehmel war ein Sohn des mit Mombert befreundeten Dichters Richard Dehmel.




In Memoriam
Heinz Lux Dehmel

1917

(I)


Oh Knabe -
mit dir zu wandern durch die Länder! -


I

Heil zu suchen auf den Meeren -
immer suchend nach den Inseln -
bestiegen wir rauschende Schiffe -
gefolgt heimlich von unsern pochenden Herzen -
funkelnde Schiffe: Raum-Stürmer-Schiffe.
Rosenfarben atmeten die Lüfte,
Duft-Wölkchen lockten an selige Küsten -

Und immer an neue, an nie-bestiegene Borde -
auf bunte Sehnsucht-Schiffe -:
Zahllose Wind-Abende und Sterne-Nächte,
da wir lagerten auf Hafen-Dämmen
im Schatten riesenhafter Vorgebirge:
gesellt heimlich von unsern pochenden Herzen:
schwarzblau wir: im Ozean-Gerausch
zwischen Jugend-Sang und Toten-Klage,
harrend fern aneilender Segler -

Wann wir landeten an nacht-erleuchteten Palästen Asiens,
standen Gold-Gekrönte hoch auf Strand-Terrassen,
uns umjubelte Freuden-Gepränge,
Arme schlangen sich um uns
im Schreite-Reigen der Gesänge,
da spielte die Musik
im Volk-Getümmel
den Tanz der Tempel-Göttin -

Wann wir gingen, loschen alle Lampen,
zu Ende alles Fest,
uns nahm zurück die Seligkeit der Brandung,
trauernd hinter uns das alte Reich
versank in die undurchdringliche
finstere Nacht-Vergessenheit -
von den Finsternis-Rossen durchrast -

Oh Knabe -

und immer wieder suchend Inseln! -
Und immer beschiffend schaumgrüne Meere! -
Immer verlassend versinkende Reiche! -


II

Oh Knabe -
wir belauschten einen Geist.
Eine Purpur-Fahne entrollend
schritt er hinein in ein schwarzgrünes,
in ein endlos wildkühnes Meer.
Seeadler-Schrei ums Haupt
der Vorwärts-Schreiter sang.
Erregte Wogen überleuchtend
die geschwungene Fahne sauste.
Saust: Freiheit.

Wir lagen auf dem Strand;
die Augen folgten dem schönen Dämon.
Er wuchs in die Meer-Gründe,
er wuchs in die Luft-Höhen:
gewaltiger immer, unsterblicher immer.
Ihn erhöhte eine göttliche Zeit.
Zu den Horizonten trug er die Freiheit.
Brausende Wogen-Unendlichkeit
herrlich überschallte sein Gesang.


III

Uns war Indien verliehen!
Dir die Blüte der tanzenden Göttin.
Mir der heilige Baum.

Ich ruhte am Stamm in meinem Gnade-Traum.
Mondlicht wachtet ihr:
du: deine Göttin:
zwei Sitzende Stumm-Selige
mit euren Sterne-Augen über mir.

Noch flüsterten dunkel die Zweige.
Oh Knabe, oh Göttin,
ihr begannt euer Tag-Schimmer-Leben.
Ihr kränztet mein Haupt mit dem Morgenröte-Kranz.


IV

Ich griff ein Roß, das die Erde umschweifte.
Meine Faust umwand sich Gold-Mähnenhaar.
Trunken, in Freude-Schall sprang ich hinauf.
Ich brauste - blühte im Licht-Morgen.

Du rittest hinter mir. Deine leuchtenden Blicke.
Mir angeranktes helles Menschen-Efeu.
In Mittag-Glut ward unsere Gestalt: Erzbild.
In Flamme gehüllt sprengten wir durch die Länder.

Eisgebirg-Gedröhn in der fernen Runde.
Manchmal Schall: da ging der Himmel auf.
Und Blasen heller schneller Winde.
Eine Flöte sang über göttlichen Wäldern.


V

Wir glänzten hin an Strömen und Gebirgen.
Das war Glanz aus lebender Seele.
War ein Glanz aus hebendem Geist.
Goldene Tauben uns überschweben!
Der Falken Liebe-Spiel in blauer Luft.

Spät traten wir in eine Säulenhalle.
Dort lag der Abendstern zu Füßen einer Frau.
Dort sprudelte der Quell der Jugend.
Dämmer-blau, opalene Flut,
aus ihr tranken die Gestirne.

Dämmer-purpurn! Grün-goldene Flut!
Dämmer-licht! Hell-lila Flut! -
Doch nicht neigten wir zum Trunk.

Oh Knabe,
denn uns verzauberte
in sinnende Standbilder
die Schau: der Traum.


VI

Wir gerieten beide in den Schatten
eines riesigen Adlers.
Der Lauernde hing
über des Korallenriffs
trommelnder Woge.

In Nacht-Dunkel herrschte
Macht-Dämon Mond:
Der ließ kein Meer-Tier im Bewußtsein;
Alle wurden Starrer in seinen Glanz.

Dann kam es über den Sand daher:
Schatten-Wandel längs der Küste.
Es schritt das Fantom eines Weibes:
starr-lächelnd-schlimme Schönheit:
immer uns zur Seite.
Dich wollte es küssen;
mich wollte es verlocken.
Es suchte uns zu trennen.

Plötzlich schrie das Trugbild -
rang die Hände - entwich -
es floh in den Mond.

Es hatte in meinem Geist erblickt
Ur-Geist der Welt.
Es hatte in deiner Seele gesehn
die Rose der Jugend.


VII

Am Tarim-Strom da schütteten über uns
Pappeln gelbe Blätter-Schleier herab.
Schwäne sangen aus dem Schilf ein Lied -
grausam Lied - tödlich Lied -
Trompeten klagten in den Lüften -

Oh Knabe - wie ganz eilig ich da vorwärts schritt:
durch Felsen-Täler betrümmerter Wüste:
durch übersandete Ruinen-Städte:
Du an meiner Hand schauend zu mir auf,
in deinen Augen sprossen noch immer die Lenz-Blumen -

Oh Knabe -

über mir wolkte Schwermut toter Völker.
An mir brannte Salz zergangener Meere.
Mich betrümmerten Quader eingestürzter Himmel! -

Oh Knabe
da war ich grau! - Da war ich alt! -

Doch kehrte mir zuletzt die Jugend wieder.



(II)


Oh Knabe -
mir dir zu schreiten durch die Zeiten! -


I

Wandernd in dem Lande purpurner Berge
unter tönendem Harfen-Gefieder
schwebender Reiher
- aus jungen Pappeln troff das grüne Blut -

fanden wir auf einem Sommer-Hügel
von einem Bach silbern umflossen,
umrankt von gelben Rosen:
glänzend Feuer,
den Thron des Salomo.

Da stand er:
glänzend Feuer.

Davor auf dem Kristall-Tisch stand noch ein Glas
lichtperlenden Zauber-Weins:
am Rande sichtbar war noch der Hauch
der Lippen des Geister-Fürsten.
In der Runde saßen noch die Geister;
lagerten noch die Gesandten
der Vögel und der Tiere:
harrend der Befehle des verschwundenen Herrn.

Salomo war eingegangen in die Welten
zu fernen Herrscher-Pflichten.
Glänzendes Feuer, blieb hier zurück sein Thron.

Warme Erde. Himmel-Tage.
Geist-göttlich sieghaft glänzte mein Herz.

Oh Knabe,
wie ich hinaufstieg den Jahrtausend-Hügel,
durch Blumen, die hier zeitlos blühten,
durchs fromme tiefe Gras,
vorbei an Schmetterlingen scheulos saugend -

Droben -
tief eratmend -
wie ich den Rosen-Platz betrat.
Strahl aus neuer Zeit fiel an mein Haupt.
Ich setzte mich auf den bereiten Thron.

Ich überblickte Ebenen und Ströme.
Ich sah den Rhein, und China,
sah oben Venus und Ataïr,
einen Tanz im inneren Himmel
unter den goldenen Platanen,
ich sah die lichte Birke,
ich sah auch dich, oh Knabe.
Ich sah Beginn und Ende der Welt.

Wieder war die Zeit vollendet.
Vor dem Thron erschienen jetzt die Winde,
der goldene Ostwind, der blaue Südwind.
Geister-Gesandte: seid willkommen.
Ich begrüßte die Meere, die Gestirne.
Ich eröffnete das neue Reich.

Ich hob an meine selige Lippe
das Wunder-Glas des Salomo.


II

Oh Knabe -
auf in sieben große Frühlinge!

Frühling: Unser Gang über Farben-Regenbögen!
Frühling: Unser Zelt auf Schwingen der Wundervögel!
Frühling: Wolken-Fahrt über blühender Mai-Erde:
ich auf weißgeballtem Wetter-Stier,
du auf zärtlichweißem Schwan.

Chöre durchsangen den Himmel:
"Oh Nacht - große Nacht -"
Wir trieben an ein Tor;
in ein erleuchtet Haus.

Bunte Gesellschaft; man reichte Blumen
den Gästen aus den Welten.
Man trat hinaus auf einen Balkon;
an kristallene Geländer.
Man schaute unten im Abgrund der Leere
die ewige Welten-Wandlung:
den Hinunter-Zug gealterter Glut-Sonnen.
Dazu spielte auf zwei Silber-Pauken,
über der Tiefe schwebend, sich hebend,
mit goldenen Schlegeln Töne gebend:
ein glückselig lächelnder Geist.

Man saß stumm da.
Man bewunderte den kühnen Spieler.
Bis hochher scholl ein heller Saitenklang
licht aus Höhen.

Droben geschah jetzt Vorhang-Aufgang.
Dastand ein Springbrunn im Dom eines Himmels:
gebaut aus Leben-strahlenden Kristallen,
trieb er Gestirne unters Triumph-Dach.

Und aus urewigen Geborgenheiten
hervor trat neben ihn die Jugend-Göttin.
Vor ihr neigte sich verstört Orion.
Vor ihr gossen den Glanz hin die Plejaden.

Lächelnd pflückte sie mit Frühlings-Händen
Blüten des Kristalls am lebenden Bronnen.
Die warf sie hinab auf die Pauken des seligen Spielers:

drauf sie erklangen.
Und manche weht herein in unsern Balkon
unter uns Gäste aus den Welten.


III

Oh Knabe -
Nachtträumerisch wandeln fand ich mich
rundum das Feuer
flammender Welt-Schlünde:
in offenen hölzernen Galerien.
In den ehernen Himmeln
Stern-Ringe kreisend glühen.
Träumerisches Wandel-Leben
durch sausendes Funken-Sprühen.
Von schwebenden Tribünen
die Worte meiner Sprach-Seele
stieß ich zum zum Flammen-Krater hinunter.
Grausige Worte: selige Worte:
mein Geist-Wort, Liebe-Wort,
Klänge wie Kristalle -
Hauch-Wort und Granit-Wort:
Mein wildwagender Spiel-Geist
spielte sie alle in den Abgrund.
Und ich lächelte dazu: ich träumender Verspieler:
hinunterhorchend immer:
erschüttert immer, wann dortunten in Flammen
ein altes Wort-Glück seufzte -
ein altes Gedanken-Glück verglühte -
auf ewig versank.

Einmal: umblickend -:
hinter mir stand der mächtige Schatten
finsterer Gewalt.
Dämon-Auge furchtbar:
drohend über meinem Haupt eine Faust -

Ich stürzte auch das Wort des Dämon
mit überdämonischer Lippe
von der Galerie hinunter
in das Flammen-Meer:
nachtaumelte der Dämon-Fürst
erlöschenden Blicks.

Spielselig leicht
ruhte meine Hand
an meiner kühlen Stirn
auf dem goldenen Haar.
Oh Knabe -
ich stehe jetzt hochdroben
auf Höhe einer Treppe,
die jähab taucht
ins Gejauchz der Hekla-Flammen.

Die Flammen frohlocken!
Oh Knabe -
denn herrlich sturmtönend
mit der Feuer-Harfe
herabsteigt von der oberen Stufe
- Worte-los: Sprache-los -
der Flammen Freier.


IV

Mit Rosen: goldenen in den Händen
entstieg ich Jüngling-Lächler dem Abgrund -
stand wieder oben atmend im Freien -
ich blickte in die himmlische Welt.

Knabe: da harren zwei Gestalten.
Mächtig überflimmern Augen-Glänze:
Fantasia empfängt mich:

Entschmeichelt meinen Händen die goldenen Rosen,
an die ich den Geist und die Welt gewagt:
pflanzt sie in die Morgenröte,
betaut sie mit Kristallen.
Die Andere: die Schwer-Dämmernde:
Materia beschaut mich ruhevoll.
Ich bin Der aus dem Abgrund.
Sie fügt jetzt meine Hand in ihre Hand.
Nimmt mein Haupt an ihre Brust.

Oh Knabe -
noch umspielte mein Herz ein Hauch des Abgrunds.
Doppelt war Liebe nahe -
aber ein Singen begann...
In Wunder-Träume entführt mich
Erinnerung-Glück.
Ich schließe die Augen. -
Stehe in Tönen. -
Oh Knabe -
auch der Abgrund liebte mich.


V

Es gab Zeiten: wir eilten
gläserne Stufen himmelan,
nur immer himmelan.
Wir die Bekränzten mit den hellen Tag-Rosen,
Geister saßen auf den klaren Stufen -
mit welchen Strahlen - mit welchen jungen Träumen -

Zeiten: wir tasteten
Lava-Treppen in Tiefen hinunter,
in Nächte hinunter.
Flackernde Leuchter hielten unsere Hände -
Dämonen saßen auf den Brüstungen -
mit welchen Gluten - mit welchen Schatten-Blicken -


VI

Jetzt sind gelebt viele Zeiten.
Meer-Zeit. Land-Zeit.
Zeit der grünen Wälder.
Zeit des Glücks auf Bergen.
Zeit der Flamme am Vulkan.
Jetzt ist Zeit des Windes.
Zeit des Wehens - über mein ruhendes Herz.

Siehe du nach, oh Knabe,
woher er kommt, der sanfte Wind.
Ob er kommt übers Meer?
über blaue? grüne Flut?
Kommt von den Gewürz-Inseln?
durch Palmen unter Sternen duftend?
kommt über Nacht-Lilien?
Kommt vorbei im Mondlicht
an den Nachen junger Perlen-Fischer?

Siehe nach, oh Knabe,
und melde mir Ruhendem:
Woher er kommt: der Wind.


VII

Schlaf überwältigte mich in den Wäldern.
Ich stürzte im Abend-Vogelsang -
zwischen die flackernden Leuchter der Blumen
schlug ich hin zerfetzt -
Noch rief ich in die rauschende Zerdämmerung:
Erneuert die Zeit!
Nocheinmal setzt mich in die Himmel-Barke!
Ich liebe Ataïr!
liebte die Chaos-Blüte! -
Vor goldenen Hintergründen
lag ich Schönster geliebt
in den Hyazinth-Wildnissen duftender Erde!

Da war verstummt der Vogelsang.
Da war nur ferner Nachhall meiner Stimme.
Im Teich erblickte ich mein Spiegelbild -

Oh Knabe -
da war ich grau! - da war ich alt! -

Doch kehrte mir zuletzt die Jugend wieder


VIII

Einmal hält der rastlos rollende Wagen.
Einmal endet das Land.
Einmal beginnt das Herz sein Abschied-Sagen.

Einmal abscheidet das letzte Meer.
Einmal beginnt die große Trauer.
Einmal stockt das Herz von Schluchzen schwer.

Dann flackern die inneren Lichter,
Dann vergreist die göttliche Gestalt.
Dann befällt Dämmerung den Dichter -

Oh Knabe -
da war ich grau! - da war ich alt! -

Doch kehrte mir zuletzt die Jugend wieder.


IX

Einmal standen wir am uralten Trüb-See.
Dämmerung. Die immer tiefere Nacht.
Ich klammerte mich an deine Hand.
Sieben Winter blendender Orkane.
Dornsträucher weinten.

Nieder sank ich stöhnend
mit ausgeleerten Händen.
Mond-los. Sonne-los.
Herz-Licht weggezehrt.
Haupt gehüllt ins Tuch der Finsternis.

Oh Knabe -
da war ich grau! - da war ich alt! -

Doch kehrte mir zuletzt die Jugend wieder.



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