Autor:
William Shakespeare (getauft 26. 4. 1564, Stratford-upon-Avon - 23. 4. 1616, Stratford-upon-Avon)

Werke:
Sonette XX, CIV, XLII, CXLIV, CXXI, XXXVI, XLIII, LVII, XCVI, XCII, XCVII

Übersetzung:
Karl Kraus, München 1964: Sonette XX/ CIV/ XLII/ CXLIV
Heinrich Detering, Frankfurt/M. 1994: Sonett CXXI
Eduard Saenger, Leipzig 1909: Sonette: XXXVI/ XLIII/ LVII/ XCVI/ XCII/ XCVII

Quelle:
Cécile Beurdeley: "L'Amour Bleu", Köln 1994
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994



Es ist schwierig festzustellen, wann genau Shakespeare seine Sonette verfaßte. Die erste Quarto- Ausgabe wurde ohne Wissen des Autors im Jahre 1609 von Thomas Thorpe veröffentlicht; spätere Ausgaben stammen von John Benson (1640) und von Malone (1709). Der erste Hinweis auf die Sonette ist in einem Werk von Francis Meres enthalten, das den Titel Palladus Tamis trägt (1598). Meres schreibt: "Die anmutige und geistreiche Seele Ovids lebt weiter in der süß-fließenden Sprache Shakespeares: zum Beweise dafür lese man seine Venus and Adonis, seine Lucrece und seine lieblichen Sonette, die unter seinen intimen Freunden wohlbekannt sind." Den Inhalt dieser Gedichte bildet die Liebe des Autors zu einem schönen jungen Mann, den der Dichter auf diese Weise verewigen will. Eine "schwarze Dame", die Geliebte des Autors, betrügt ihn mit seinem Freund. Der Verlust des Geliebten, das Altern, das Betrogenwerden, die Komplexität seiner Liebesgefühle dies sind die Hauptthemen dieser Gedichte; sie sind einer mysteriösen Figur gewidmet, die nur unter den Initialen Mr. W.H. auftritt. Gewisse Kritiker neigen zur Ansicht, daß es sich hierbei um Sir William Harvey handelt, der dritte Mann der Lady Southampton, der Mutter des Grafen Henry Wriothesley. Sir William hätte demnach Shakespeare gebeten, die Sonette zu schreiben, um damit den jungen Grafen zur Heirat bewegen zu können! Andere meinen, die Sonette seien William Hughes gewidmet, einem Schauspieler, de Frauenrollen spielte; andere wiederum bevorzugen William Herbert, Graf von Pembroke oder auch William Hall, einen Drucker. Mal könnte noch lange fortfahren, um alle Hypothesen aufzuzählen, die jemals zur Auflösung dieses Rätsels ersonnen wurden. Shakespeare selbst wollte offenbar die Identität von Mr. W.H. geheimhalten, und es ist bisher noch nicht gelungen, endgültig Licht in diese Geschichte zu bringen.



Sonette:

XX

Ein Fraungesicht hat dir Natur geschenkt,
du Herr zugleich und Herrin meiner Seele;
ein Frauenherz, das doch nicht treulos denkt,
wie es dem Wechsel stets nur sich vermähle;

ein lockend Aug und dennoch nicht belügend,
verklärend jedes Ding, das es bestrahlt,
und über beiden Wesens Reiz verfügend,
ein Doppelbild, von der Natur gemalt.

Als sie zum Weib dich schuf und selbst entbrannte
für dich, ergänzte sie dich gleich zum Mann:
was meiner Hoffnung den Besitz entwandte
durch Überfluß, den ich nicht brauchen kann.

So ausgestattet, Frauen zu erlaben -
laß mir die Liebe, wenn die Lust sie haben!




CIV

Mir, schöner Freund, mir wirst du niemals alt;
so schön, wie ich dich einst sah, bist du heute.
Und dreier Winter Wut und Sturmgewalt
fiel dreimal sommerlicher Glanz zur Beute.

Drei grüne Lenze sind dem Jahr im Land
allmählich in den gelben Herbst entschwunden;
dreimal verglühte Mai im Junibrand,
seit ich dich, jung wie heute, hab gefunden.

Und doch, obschon der Zeiger auf der Uhr
zu stehen scheint, wo Zeit ihn vorwärts treibt:
so täuscht vielleicht an dir mein Aug sich nur,
wenn es vermeint, daß Schönheit dir verbleibt.

Drum höre, Zeit, die noch nicht angegangen:
bevor du warst, war Schönheit schon vergangen!




XLII

Daß sie nun dein, ist nicht mein ganzer Gram,
obgleich sie meinem Herzen nahestand.
Doch daß sie, dir sich gebend, dich mir nahm
Verlust ist's wahrlich, den ich nicht verwand.

Drum so, ihr Sünder, lös ich euch der Schuld:
du liebst sie, weil du weißt, daß ich sie liebe;
und sie gewährt dir meinethalben Huld,
wie wenn es dich für mich nur zu ihr triebe.

Verlier ich dich, hat so Gewinn mein Lieb,
verlier ich sie, so wird's dem Freunde frommen;
wofür zum Schluß mir selbst die Tröstung blieb,
nur meinethalb sei' n beide mir genommen.

Doch sprich, sind wir nicht eines: du und ich?
So träume ich: sie liebt ja doch nur mich!




CXLIV

Zwei Lieben lenken mich zu Glück und Leid,
vollführen geisterhaften Zeitvertreib:
ein Jüngling steht im Licht; zum Widerstreit
mit ihm als böser Geist ein dunkles Weib.

Um sicher in die Hölle mich zu bringen
lockt sie den lichten Geist mir von der Stelle
versuchend, ihn satanisch zu durchdringen,
und leitet so den Heiligen zur Hölle.

Ob ganz mein Engel schon mir kam abhanden,
kann ich nicht wissen, doch ich mag's vermuten;
da beide, mir entfernt, einander fanden,
so scheint' s, er brenne schon in Höllengluten.

Gewißheit aber wird, wenn ohne Zweifel
mein Teufel meinen Engel jagt zum Teufel.




CXXI

Schlecht gelten ist viel besser als schlecht sein,
Wenn die, die es nicht sind, als schlecht doch gelten;
Rechtschaffne Freuden raub das Aug' allein
All jener uns. die Freuden Laster schelten.

Denn warum sollt' ihr falscher, scheeler Blick
Wohl meinem wilden Blut die Ehr' erweisen?
Was drehen schwache Späher mir den Strick
Aus Schwächen, die wir selbst als Stärke preisen?

Nein, ich bin, der ich bin, und die so dumm sind,
daß sie mich schmähn, enthüll' n die eigne Schmach;
Ich bin gerade, wo sie alle krumm sind,
Ihr Haß trifft nicht das Glück, von dem ich sprach.

Ein allgemeiner Satz sei ausgenommen:
Wir leben all' in Sünde, auch die Frommen.




XXXVI

Laß mich's gestehn, wir sind doch Zwei, wir Beiden.
Wenn unsre Herzen auch zusammenschlagen:
Und meine Fehler, die mit dir nicht scheiden,
Muß ich allein und ohne Hilfe tragen.

In unserm Lieben waltet nur ein Geist.
Wenngleich ein Trennendes ins Leben spielt,
Das zwar der Liebe Einheit nicht zerreißt,
Doch Stunden unsrer Liebeswonne stiehlt.

Nicht fürderhin bekennen darf ich dich,
Sonst könnte dich mein böser Leumund schänden;
Nicht hätschle vor der Welt mit Ehre mich,
Du müßtest deinem Namen sie entwenden.

Das sei dir fern; ich bin so innig dein:
Hab ich nur dich, ist auch dein Name mein.




XLIII

Am klarsten sieht mein Auge nachtversiegelt;
Am Tage achtet's vieler Dinge nicht;
Doch schlummernd, wenn im Traum dein Bild sich spiegelt,
Hell-dunkel strahlt es durch die Nacht, ein Licht.

Du, dessen Schatten Schatten leuchten macht,
Was gäbe wohl dein Bild für holde Schau
Dem hellen Tag, in noch viel hellrer Pracht,
Das schon so leuchtet in des Schlummers Grau!

Wie selig wär mein Auge, dich im satten
Lebendgen Licht des Tages anzusehn,
Wenn schon in toter Nacht dein schwanker Schatten
Im schlafgebannten Auge mag bestehn!

Ein jeder Tag ist Nacht, wenn du nicht hier,
Und Nacht ist Tag, führt dich ein Traum zu mir.




LVII

Nun ich dein Knecht, was sollt ich wohl vollbringen,
Als Tag und Stunden deinem Dienste weihn?
Ich habe keine Zeit mir abzuringen
Und keinen Dienst zu leisten, der nicht dein.

Ich schelte nicht die lange bange Zeit,
Wenn ich für dich die Stunden zählen muß;
Der Trennung Bitternis wird mir nicht leid,
Wenn du mir einmal botst den Abschiedsgruß.

Nicht daß ich meinen Argwohn darauf lenke,
Wo du nun weilst und wie au dich zerstreust;
Ein scheuer Sklave, harr ich still und denke
Nur, wie du deinen neuen Kreis erfreust.

Solch treuer Narr ist Liebe: deinem Wollen,
Wie du auch wandelst, wird sie nimmer grollen.




XCVI

Bald deine Jugend, bald dein leichtes Blut
Wird dir zur Schuld geschrieben und entschuldigt;
Doch leichter Sinn und Jugend stehn dir gut,
Und so wird dir von allen doch gehuldigt.

Wie man am Finger einer Königin
Das falsche Kleinod wie das echte schätzt,
So werden deine Mängel zum Gewinn,
Das Schlechte wird in Echtes umgesetzt.

Wie viele Lämmer möcht ein Wolf betören,
Könnt er mit sanften Lammesaugen nahn!
Wie viele Herzen möchten dir gehören,
Kämst du, mit allem Zauber angetan!

Doch tu es nicht; du bist so ganz der Meine:
Mit dir besitz ich deines Namens Reine.




XCII

Doch tu dein Schlimmstes nur, um gleich dem Diebe
Davonzufliehn - du bist zeitlebens Mein,
Ich lebe länger nicht als meine Liebe,
Denn deine Liebe bindet ja mein Sein.

Die größte Unbill däucht mir nicht so groß,
Wenn mit der kleinsten schon mein Leben endet;
Ich weiß es wohl, mir ward ein beßres Los
Als dies, das sich mit deiner Liebe wendet.

Mit Wankelmut kannst du mich nimmer plagen,
Wenn deine Untreu mir Vernichtung droht.
Wohl mir! von hohem Glücke kann ich sagen,
Von Glück in deiner Liebe, Glück im Tod!

Was ist so schön und fürchtet keine Flecken? -
Falsch magst du sein, doch will ich's nicht entdecken.




XCVII

Recht wie ein Winter däuchte mir die Zeit,
Da ich dir fern, du Trost des flüchtgen Jahres!
Wie schauert ich vor Frost und Dunkelheit!
Welch traurige Dezember-Öde war es!

Und dennoch weiß ich, daß der Sommer glühte,
Und strotzend trug der Herbst in schwerer Fülle
Die üppige Bürde seiner Jugendblüte,
Gleich einer Witwe Schoß: verborgen, stille.

Doch in dem reichen Segen sah ich nur
Verwaiste Hoffnung, vaterlose Brut;
Für dich nur schmückt der Sommer seine Flur,
Und bist du Ferne, selbst das Vöglein ruht.

Und singt es gar, so macht sein trüber Sang
Die Blätter bleich und vor dem Winter bang.

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