Autor:
Walahfrid Strabo (808 - 18. 8. 849)
Werk:
Gedicht über den Mitbruder Liutger
Quelle:
Helmut Blazek: "Rosa Zeiten für rosa Liebe", Frankfurt/M. 1996
Walahfrid Strabo ("der Schielende"), Mönch und später Abt des
Benediktinerklosters Reichenau, erhielt seine Ausbildung durch den
Erzbischof Hrabanus Maurus, dem größten Gelehrten zur Zeit
Karls des Großen. Dessen Sohn Ludwig der Fromme machte ihn
schließlich zum Erzieher Karls des Kahlen, welcher der eigentliche
Begründer der französischen Monarchie wurde. Als Dichter verfaßte
er neben Heiligenviten und -legenden zahlreiche sehr anmutige
Gedichte in lateinischer Sprache. Der schwäbische Mönch gehört
zu den großen Anregern der althochdeutschen Literatur; durch ihn
wurde die Reichenau zu einem kulturellen Zentrum dieser Epoche.
Was du an Glück auch empfängst - auch ich will mich freuen darüber;
wenn aber Unglück dich trifft, bin ich im Herzen voll Leid.
Was der Mutter ihr einziger Sohn, der Erde die Sonne,
was den Gräsern der Tau, Fischen die Strömung der See,
was den Vögeln die Luft, den Wiesen das Murmeln der Bäche,
das ist dein teures Gesicht, lieber Junge, für mich.
Wenn es geschehen könnte, - wir meinen, es könnte geschehen -
zeig dich dann unserm Blick; bitte tue es schnell!
Weil ich nämlich erfuhr, daß du dich nah bei uns aufhältst,
ruht ich nicht eher, bevor ich dich möglichst bald sah.
Größer sein möge dein Ruhm, dein Leben und deine Gesundheit
als aller Sterne und als aller Sandkörner Zahl.
____________________________________