Autor:
Vergil [Publius Vergilius Maro] (15. 10. 70 v. Chr., Pietole/Mantua - 21. 9. 19 v. Chr., Brindisi)
Werk:
"Zweites Hirtengedicht"
Übersetzung:
R. A. Schröder, Frankfurt/M. 1952
Quelle:
Joachim Campe (Hg.) "Matrosen sind der Liebe Schwingen", Frankfurt/M. 1994
Vergil, der in erster Linie als Dichter des römischen Nationalepos, der
"Aeneis", Berühmtheit erlangte, veröffentlichte 39 v. Chr. seine
Hirtengedichte (Bucolica). Trotz des idyllischen Rahmens und der
Ähnlichkeit mit den Gedichten des Theokrit geht es hier um römische
Realität. Sehr wohl auch in der Knabenliebesgeschichte des zweiten
Gedichts: Denn nicht der Hirt bekommt den schönen Alexis, sondern
der mächtige Gutsherr. Vor allem geht es freilich um ein intimes Thema
des Dichters: Wie der Historiker Sueton berichtet, porträtierte Vergil
eine seiner großen Lieben in der Figur des ungetreuen schönen Alexis.
Zweites Hirtengedicht
Corydon brannte, der Hirt, für den reizenden Knaben Alexis;
Den aber liebte sein Herr: so war ihm keinerlei Hoffnung.
Nur unterm schattigen Dach der dichtverschlungenen Buchen
Fand er sich täglich ein und sang vergebenen Trachtens
Wäldern und Bergen umher die kunstlos rührende Klage:
"Grausamer, sag, Alexis, so gilt mein Singen dir gar nichts?
Rührt mein Leiden dich nicht? Du zwingst mich, wahrlich zu sterben.
Selber das Vieh sucht jetzt Kühlung unter den Schatten,
Selbst die grüne Lazerte verbirgt sich unter den Dornen.
Über den Mittag ruhn die ermatteten Schnitter, indessen
Thestylis Quendel und Knoblauch mischt, die riechende Mahlzeit.
Schrillt unterm Tag der Hain von lauten Zikaden.
War's nicht übergenug, Amaryllidis widriges Zürnen
Und verletzten Stolz und den bösen Menalcas zu dulden?
Schwarz war jener gewiß; und du bist golden: o Schöner,
Trau der Farbe nicht allzusehr! Man läßt ja des Weißdorns
Blüte verwehen und pflückt Hyazinthen, ob sie auch schwarz sind.
Du aber siehst mich gar nicht an, noch weißt du, Alexis,
Tausend weiden für mich am Hang sizilischer Berge;
Nie fehlt mir frischmolkene Milch, nicht sommers noch winters;
Traun, und ich singe, wie einst der thebanische Sänger Amphion
Am Aracynthus sang und rief die schweifenden Rinder.
Bin ich doch gar so häßlich nicht: ich sahe mich jüngst erst,
Als am Gestade das Meer ganz windstill ruhte. Nicht Daphnis
Fürcht ich - richte du selbst, - wofern der Spiegel nicht falsch war.
Ah, und teiltest du nur mit mir die niedrige Hütte
Und die bescheidene Flur! Wir stützten selbander die Reben,
Trieben vereint die Lämmer hinaus in den grünenden Eibisch
Und versuchten zu zweit im Wald die Weise des Flurgotts.
Lehrte doch Pan zuerst mit Wachs die Rohre verbinden,
Pan, der die Herde beschützt und schützt die Meister der Herde.
I.aß dich's nimmer verdrießen, am Rohr die Lippe zu wetzen;
Denn was gäb Amyntas nicht, die Kunst zu erlernen!
Schau, die Fistel ist meine, gefügt aus sieben gestuften
Stengeln, die einst Damoetas, der Greis, mir sterbend vermachte;
Und der Sterbende sprach: Du bist ihr zweiter Besitzer.
Sprach es, Damoet; und neidisch stand der Tölpel Amyntas.
Zwei Rehkitzlein fand ich im Tal, nicht ohne Gefährde,
Jetzt noch silbern gefleckt. Tagsüber trinken die beiden
Zwei Schafseuter dir leer. Ich hab sie dir beide behalten.
Freilich bat mich Thestylis oft und wollte sie haben;
Und so wird es geschehn: dich widern ja meine Geschenke.
Knabe, so komm, komm, Schöner, hierher! Dir bringen die Nvmphen
Lilien im Korbe gehäuft. Dir pflückt die glänzende Nais
Bleiche Violen und Mohn, der hoch vom Stengel herabnickt,
Und Narzissen zum Kranz und Dill, die duftende Blume.
Zeiland windet sie drein, Hyazinthen zieren mit gelben
Ringelblüten und würzigem Kraut das schöne Gewinde.
Ich aber wähle für dich die grauen, flaumigen Quitten
Und Amaryllidis Lieblingsfrucht, Kastaniennüsse,
Lorbeer pflück ich hernach; und dich, o Myrte, Gesellin,
Leg ich dazu: ihr haucht vereint die lieblichste Würze.
Corydon, bäurisch dünkest du ihn, es spottet Alexis
Weh! Was tat ich mir an? Ich lasse den reißenden Ostwind
In meine Blüten und lasse den Quell die Säue zerwühlen.
Tor, wen fliehest du denn? Auch Götter wohnen in Wäldern,
Paris, der Troer, zumal. Minerva hüte der Burgen,
Welche sie schuf: uns wollen zumeist die Wälder gefallen!
Wütend folgen der Leu den Wölfen, Wölfe den Zicklein.
Zicklein folgen dem Duft der blühenden Cytisussträucher,
Corydon dir, Alexis: denn jeglichen zieht sein Gelüste.
Schau, schon schleppen den Pflug verkehrt die Rinder nach Hause;
Und das entschwindende Licht verlängt die steigenden Schatten.
Ich aber glühe vor Liebe; denn wo fänd Lieben ein Ende?
Corydon, Corydon, ah, du dünkst mich wahrlich von Sinnen!
Halb nur beschnitten hängt dein Weinstock unter der Ulme.
Nimm die Binsen zur Hand und die schmächtigen, weidenen Ruten,
Flicht dir Darren und Korb, der Hof kann's immer gebrauchen.
Wenn dich dieser verschmäht, du findst einen andern Alexis."
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